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Kultur - Künstler in St. Peter-Ording

 

 

Kulturelles Leben in den 1877 gegründeten Seebädern St. Peter und Ording - gab es das und wann?

 

Zuerst mussten wohl die beiden Seebäder bekannt werden. 1896 machte der Arzt Dr. Scheby-Buch auf das besondere Heilklima Sankt Peter-Ording aufmerksam. Erreichen konnte man St. Peter auf einer Chaussee, dessen letztes Stück von Tating erst 1904 fertig wurde, 1905 verlängerte man sie vom Dorf bis ins Bad. 1911 wurde der erste Pfahlbau am Strand errichtet.1913 gründet das Doktorenehepaar Felten zwischen Dorf und Bad eine Nordsee-Kuranstalt. 1925 kommt die Elektrizität nach St. Peter, 1926 wird die erste hölzerne Seebrücke gebaut und 1927 kann man schon auf 50 Jahre Seebad zurückblicken. Es gab 47 Hotels, Pensionen Logierhäuser und Privatunterkünfte und 9631 Fremde wurden gezählt.

Das Seebad nahm also „Fahrt auf“ und wurde bekannter.

Detlev von Liliencron (1844-1909) „verarbeitete“ seinen Urlaub hier in Sankt Peter zu einem Gedicht „Die Spinnerin von Sankt Peter“

 Fritz Wischer (1869. Geboren in Kiel , verstirbt 1949 in St. Peter)  1912 erbaut er hier sein Hus Quickborn im Bad – sein bekanntestes Buch ist „Lach man mal!“ von 1918 und „Petersdörper Strandgeschichten“

Rudolf Kinau (1887-1975), Bruder von Johann Wilhelm Kinau alias Gorch Fock (1880-1916),  verlebte von 1942  bis 1975 jedes Jahr seinen Urlaub in Ording. Er las auch im Kurmittelhaus. Bekannt durch Bücher, Hörspiele und durch die Sendung im Rundfunk „Hör mal’n beten to“.

 

 

Und die Maler?

 

Europaweit, ausgehend von Frankreich in den 1850iger und nachfolgenden Jahren malten und lebten die Künstler in sogenannten Künstlerkolonien zusammen und verschrieben sich großen Teils der Freiluftmalerei.

Die Maler entdeckten die Landschaften, die Eigenheiten der Gebräuche der zumeist noch auf dem Land lebenden größtenteils armen Bevölkerung. Sie malten deren Arbeitswelten als Fischer, Bauern, Industriearbeiter, Handwerker, Heimwerker.

 

Während sich verschiedene Maler schon Ende des 19. Jahrhunderts den Halligen und Inseln zuwandten, kamen erst in den 19hundertzwanziger Jahren Maler wie Albert Johannsen aus Husum, Willi Graba aus Heide oder Ingwer Paulsen aus Halebüll nach St. Peter und stellten hier ihre Staffeleien auf.

 

Der junge Friedrich Karl Gotsch (1900-1984) aus Kiel entdeckt zur gleichen Zeit St. Peter-Ording. Als Meisterschüler bei Oskar Kokoschka (1886-1980) in Dresden kommen er und Studienkollegen, darunter seine damalige Lebensgefährtin Hilde Goldschmidt(bis 1933), für kurze Aufenthalte nach St. Peter, obwohl sie zu der Zeit sowohl in New York, in Paris und danach in München und Berlin arbeiteten. Nicht nur Maler, auch Graphiker, damals schon berühmte Buchkünstler, Musiker, Sänger Schauspieler, Schriftsteller trafen sich hier.

 

Gotsch dazu (1969): „Damals wurde für uns Maler, Literaten, Musiker St. Peter-Ording geradezu ein zweites Worpswede. Wir Maler waren allenthalben hinter unseren Staffeleien zu sehen, und der damals noch bestehende tiefe Friede, die völlige Ungestörtheit gaben uns allen die notwendigen Voraussetzungen zum Schaffen.“

 

Im Kurhaus gab es einen „Künstlerstammtisch“, auch Künstlerfeste wurden gefeiert. In den dreißiger Jahren wurde der Stammtisch durch Musiker und Schauspieler erweitert, die teilweise im Sanatorium Goldene Schlüssel weilten.

Nun war es damals nicht so schwer, sich im Ort zu treffen. Viele Pensionen oder Hotels gab es noch nicht. So sprach sich schnell herum, wo ein Künstler wohnte. Wenn man sich nicht schon in den Dünen oder am Strand beim Malen traf, dann spätestens abends im Kur- oder Strandhotel.

 

 

War es wirklich ein zweites Worpswede?

 

Nein, es bildete sich hier keine Künstlerkolonie aus, die in der Malerei Erwähnung fand. Für Friedrich Karl Gotsch war es aber „die große Weite“, die er hier „in der elementaren Landschaft von St. Peter“ fand   Der Kreis der Künstler war groß, die es aus unterschiedlichen Gründen, einige besonders aus gesundheitlichen, nach Sankt Peter zog.

Einige Namen: Graphiker Prof. Tiemann, Buchgraphiker Prof. Wiemeler, Sänger Fjodor Schaljapin, Schriftsteller Alfred Döblin, Malerin und Schülerin von Kokoschka Prof. Hilde Goldschmidt, Gotschs damalige Lebensgefährtin (bis 1933), Kunsthändler aus Dresden Hugo Erfurth, Malerin Käte Siebel, Maler Alf Backmann aus München, Hugo Körte, Maler und Schüler von Kokoschka Hans Meyboden, Karl Hofer, später Direktor der Berliner Hochschule für Bildende Künste, Inge Egholm, Schauspieler Bernhard Minetti, Schauspielerin Sybille Schmitz, Erika und Klaus Mann, 1928 Heinrich Vogeler. Aus der Schweiz Sonja Falk. Béatrice du Vinage seit 1934, seit 1942 in Böhl ansässig, später Stockholm, Fritz Kronenberg aus Hamburg, kehrt immer wieder zurück, wie auch viele weitere schleswig-holsteinische Künstler wie Leonore Vespermann, Annemarie Ewertsen, Hans Rickers und Friedrich Griese.  

Auch der Maler und Kunsterzieher Erich Duggen fand in den dreißiger Jahren seinen Weg nach St. Peter und wurde hier sesshaft.

Das Haus Maren (Buchhandlung Tewes im Bad) war damals ebenfalls ein Treffpunkt der Künstler.

 

Naziherrschaft und der zweite Weltkrieg bereitete Vielem ein Ende.

 

 

Wie ging es nach dem Krieg weiter?

 

Das Atelier von Friedrich Karl Gotsch in Berlin wurde im Krieg zerstört. Er kam nach St. Peter und wurde hier sesshaft. 1950 heiratete er Johanna Ascher und bezog sein Atelierhaus in St. Peter im Klaus Groth-Weg. Mit den Einwohnern verstand er sich später nicht gut oder sie verstanden ihn und seine Kunst nicht.

„Der Baukreis“, eine Werkstättengemeinschaft und Lehranstalt für alle Künste wurde kurz nach dem Krieg in Hamburg gegründet und eine Zweigstelle leitete Gotsch in St. Peter, ein reges künstlerisches Zentrum entstand. Er hielt auch Vorträge über moderne Kunst in der Volkshochschule. Gotsch bemalte u.a eine Wand in der Dorfschule/Groot School (-aufgelöst 1952– leider ist die bemalte Wand zerstört worden). Heute steht dort das ev. Gemeindehaus. Erster Leiter des Heimatmuseum nach 1945 war Gotsch – er überzeugte die Besitzerin des jetzigen Museumshauses Frau Jensen, das alte Haus dem Heimatmuseum zu schenken – das Heimatmuseum in Tönning wurde nach seiner Meinung stiefmütterlich behandelt und war zu beengt. Die Baukreis-Architekten Gustav Burmeester und Gustav Strohmeyer lieferten kostenlos die Bauzeichnungen für den Umbau.

 

 

Waren noch andere Künstler im Ort?

 

Ja, Die kulturellen Aktivitäten nach dem Krieg waren im Ort vielfältig. Um Professor Warner, der später noch an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg unterrichtete, bildete sich zum Beispiel ein Musikkreis. Er gründete einen gemischten Chor, zu dem „auch Flüchtlinge“ eingeladen waren.

 

Emil Nolde weilte 1946 mit seiner kränkelnden Frau Ada im Sanatorium „Goldene Schlüssel“ und malte hier über 30 kleine Aquarelle.

 

Kunsterzieher am Gymnasium, darunter Peter Kleinschmidt, Gisela Kleinschmidt, Ursula Bein-Costard, Heinrich Kuhn, Hansjürgen Krähe, Christiane Ewert, Bodo Wessels, Wolfgang Dahnke, Detlev Karsten, Inge Breuer, Gerd Uschkereit und natürlich der schon erwähnte Erich Duggen malten in St. Peter-Ording und einige wurden landesweit bekannt.

 

Später malten Ingeborg Danielsen im „Haus an der Sonne“, Hans Olde 1946 und 1950, er kam aus München, Julia Ehlers ab 1954 und Hubert Meiforth ab 1962 in St. Peter.

Im Saal der ev. Kirchengemeinde (damals gegenüber der heutigen Bücherei) fanden Ausstellungen „Gemalt in St. Peter“ statt. Künstlerstammtische gab es aber nicht mehr.

 

 

Das hört sich nach reger Kulturarbeit an

 

Als ich 1969 nach St. Peter-Ording kam, vermittelte sich mir nicht der Eindruck eines lebhaften künstlerischen Lebens in diesem seit der Zusammenlegung von St. Peter und Ording 1967 sich damals im Umbruch und Aufbruch befindlichen Fremdenverkehrsort. Das kulturelle Leben im Ort wurde wie in vielen Orten an der Westküste bestimmt durch die traditionellen Vereine, Boßelvereine, Männergesangsverein (hier von 1865), Frauenchor, später der Shantychor, Trachtentanzgruppe, Speeldeel und weitere Vereine und deren Jahresfeste. Allerdings bezeugten Vereine wie der schon damals über die Grenzen Schleswig-Holsteins bekannte Yachtclub der Strandsegler oder der Aeroclub, dass die Weite des Strandes – die ersten Flugzeuge konnten und durften noch auf der Sandbank starten und landen,– auch exclusive Sportarten hervorbrachte.

Künstler machten in der Öffentlichkeit nicht besonders auf sich aufmerksam. Es gab aber einige, die im Ort lebten oder ausstellten, zum Beispiel J.P. Cluzeau, Dorothea Chazal, Groß Freytag, Dieter Staacken, um nur ein paar zu nennen, aber nur in wenigen Geschäften wurden Kunstwerke von einheimischen Künstlern angeboten.

 

Erst Mitte der 1980iger Jahre änderte sich das. 1986 siedelte sich der damals schon bekannte Künstler Erhard Schiel (Radierungen, Telecom-Telefonkarten) in St. Peter an, Werkstatt 1986 und Galerie 1988. Zu seinem 60. Geburtstag 2003 gab es unter reger Teilnahme von Gästen und Einheimischen eine große Ausstellung in der Utholm- Halle mit etwa 160 seiner Werke. Hervorzuheben sind auch seine drei erfolgreichen Einzelausstellungen in den Jahren 1993, 2003 und 2012 im Schloss Mainau. Viele seiner Bilder hängen in den Häusern des Ortes, im alten Rathaus und der Dünentherme.

 

 

Und andere Künstler, Ausstellungen?

 

Von 1988 bis 1997 fand jedes Jahr im neuen ev. Gemeindehaus eine Ausstellung Kunst, Kunstgewerbe statt, die 1996 und 97 zum Kultur-Mosaik mit Vorträgen, Fahrten, Führungen, Musikalische Leckerbissen und weiteren Ausstellungen ausgeweitet wurde. Über 100 Kunstschaffende beteiligten sich im Laufe der Jahre daran.

In den Jahren darauf initiierte man sogenannte Kulturnächte, wo sich auch einzelne Künstler vorstellten.

Allerdings gründete sich nicht in St. Peter, sondern in Garding ein Verein von Künstlern und kunstinteressierten Bürgern. Unter dem Dach „Kunstklima“, sammelten sich viele Künstler Eiderstedts. Es ist eine Freude zu sehen, wie gut sich dieser Verein entwickelt.

 

Weitere Künstler, nicht nur Maler, kamen nach St. Peter-Ording und Eiderstedt. Der Schriftsteller und Lehrer Werner Klose, damals tätig am Gymnasium, wurde 1974 mit dem Eichendorff-Literaturpreis ausgezeichnet. Erwähnenswert ist der bis heute unermüdliche Einsatz von Kirchenmusikdirektor Christoph Jensen. Er war nicht nur „Motor“ für die neue Orgel, sondern seine Konzertreihen in der Kirche St. Peter sind ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil der Kulturszene in St. Peter-Ording. Durch die Arbeit der AG-Ortschronik sind Personen, Vereine und Begebenheiten aus dem Kulturleben wieder ins Bewusstsein des Ortes gehoben worden. So entstand folgerichtig der bisher einzige Brunnen „Jan und Gret“ und die „Historische Insel“ im Ort. Man kann sagen, dass die AG-Ortschronik geschichts- und sinnstiftend für den Ort und Eiderstedt war und ist. Diese Leistung des Gründers und Ideengebers Claus Heitmann wurde mit dem Theodor Mommsen Preis des Kreises Nordfriesland 2002 gewürdigt.

Der Verein KulturTreff hat sich des Museums der Landschaft Eiderstedt angenommen und gestaltet es zu einem modernen, anerkannten Kristallisationspunkt Eiderstedter Identität.

Der in den letzten Jahren gegründete Verein „Kispo“, Kunst in St. Peter-Ording, führt Ausstellungen im Sommer in der Strandkorbhalle Hungerhamm durch. Im Kultur-Portal St. Peter-Ording sind Adressen der Künstler aus St. Peter-Ording aufgeführt.

 

 

Blieben Kunstwerke in Sankt Peter-Ording?

 

1984 begann Eckardt Kloth im Auftrag der Gemeinde Bilder für eine Gemeindegalerie einzuwerben. Mit Erich Duggen und später Hans-Jürgen Krähe, ebenfalls Kunsterzieher am Gymnasium, gelang es ihm einige der hier angesprochenen Künstler aufzusuchen und sie zur Hergabe einiger ihrer hier gemalten Bilder zu bewegen. Viel Geld hatte er dafür seitens der Gemeinde nicht zur Verfügung, aber seine Liebe zur Malerei und seine Überzeugungskraft führten auch dazu, dass inzwischen eine beachtliche Zahl von Bildern, ca. 1500 von über 50 Künstlern, ein großer Teil davon als Schenkung, sich heute im Besitz der Gemeinde befindet.

 

 

Was bleibt noch zu tun?

 

In St. Peter-Ording gibt es allerdings keinen Ausstellungsort für die vielen Künstler am Ort, es gibt auch kein Gebäude für die Gemeindegalerie.

Wie sagte es Erich Duggen 1977: “Bei der Planung für den weiteren Ausbau der Kureinrichtungen sollten die Verantwortlichen berücksichtigen, dass hier ein aufblühender Zweig kulturellen Lebens mehr Zuwendung und Raum mit Stellwänden benötigt als bisher.“

 

Literatur

 

  1. Die Bildersammlung der Gemeinde Sankt Peter-Ording, Gesamtkatalog, Hrsg.: Eckhard Kloth und Hansjürgen Krähe im Eiderstedter Museums-Spiegel Beiheft 1/2002
  2. Erich Duggen, Maler in St. Peter-Ording in 100 Jahre Bad Sankt Peter-Ording, Hrsg.: Gemeinde St. Peter-Ording Redaktion: Werner Klose im Verlag H. Lühr & Dircks, SPO 1977
  3. Die Oppel-Schule und ihre Gründerin Käthe Oppel, Heft 23, 2003 Hrsg.: AG Orts-Chronik e.V.
  4. Kultur-Portal St. Peter-Ording – Flyer    herunterzuladen aus dem JAHRBUCH www.jb-spo.de  unter „Extras“
  5. Kunstklima – Garding   unter www.kunstklima.com
  6. Lesenswert: Vortrag von Hansjürgen Krähe über den St. Peteraner Maler „Der frühe Duggen“ anlässlich der Ausstellung vom 19. März – 24. April 2016 im Alten Rathaus Garding – www.jb-spo.de unter „Extras – Duggenstiftung“
  7. Hansjürgen Krähe, Die Malerin Danielsen, Heft 20/1998 der AG-Ortschronik, S.166ff
  8. Hansjürgen Krähe, Kunsterzieher am Nordseegymnasium, Heft 18/1996 der AG-Ortschronik, S. 161ff
  9. Hansjürgen Krähe, Erich Duggen zum Gedenken, Heft 12/1990 der AG-Ortschronik , S. 34
  10. Hansjürgen Krähe, Hinrich Kuhn und Erwin Hinrichsen, Heft 12/1990 der AG-Ortschronik, S. 37ff
  11. Claus Heitmann, Jan und Gret, Heft 12/1990 der AG-Ortschronik, S. 158ff
  12. Hansjürgen Krähe, Hubert Meyforth, der Maler, Heft 25/2006 der AG-Ortschronik, S.274ff
  13. Hansjürgen Krähe, Heinrich Vogeler, Heft 5 2/1987 der AG-Ortschronik , S.49ff
  14. Jürgen-Erich Klotz, Der König der Wellen von F.K. Gotsch, Heft 11, Jan.1990 der AG-Ortschronik,  S.155ff
  15. Claus Heitmann, Kultur nach dem Krieg, Heft 10, Juli 1989 der AG-Ortschronik, S.113 f

 

Georg Panskus

Gorch-Fock-Weg 24

25826 St. Peter-Ording

Herausgeber des JAHRBUCH St. Peter-Ording in www.jb-spo.de

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